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Stadt Pfreimd (Druckversion)

Eine Woche Krieg

Eine Woche Krieg in Pfreimd

Vom Sonntag, den 15. April bis zum Eintreffen der Amerikaner am Sonntag, den 22. April 1945 war der Krieg auch in Pfreimd sozusagen hautnah zu spüren. Unmittelbar nach dieser Woche entstand noch im Sommer 1945 unter der Überschrift "Eine Woche Krieg" die nachfolgende Schilderung. Sie wird unter Weglassung einiger nur privater Hinweise unverändert wiedergegeben und ist aus der Sicht und Ausdrucksweise eines damals 15-jährigen Schülers zu verstehen, der weniger von den Sorgen der Erwachsenen niedergedrückt war, sonder n in der typischen Art des unbekümmerten Jugendlichen ein Abenteuer schildert.
Der Unmittelbarkeit des Erlebten und der Atmosphäre wegen wurde daher der "Urtext" nicht geändert.

"Eine Woche Krieg" von Ernst Wirner

Ja, ja, das waren solche Zeiten! Ich meine aber, interessant war das doch! Nun, erstens ist so ein Himmel voll Tiefflieger und eine Luft voll phantastischer Geräusche an und für sich interessant. Und zweitens war die Sache gerade schön, weil uns da nichts passierte. Aber das hat nun einen Haken: denn unter dem ganzen Gekrach mußten wir immer wieder fürchten, daß es schief ginge. Ein einziger Schuß in die mit Stroh vollgepfropften Dachböden Pfreimds hätte nämlich genügt, um das enggebaute Städtchen wenigstens zu einem großen Teil in Flammen aufgehen zu lassen.

Also, das war die Woche vom 15. mit 22. April 1945.
Was an diesen beiden Sonntagen geschah und was dazwischen lag, war zwar grauenhaft, aber interessant, wobei allerdings sehr komisch ist, daß einem das alles erst richtig interessant vorkam, als es vorüber war. - Am 14. April kamen unsere Verwandten von Weiden, da ihnen dort der Boden allmählich zu heiß wurde. In Weiden herrschten die amerikanischen Tiefflieger schon beinahe den ganzen Tag über. Bei uns dagegen gab es nur Überflüge und höchstens hörte man ab und zu einen Kracher von ferne. Mit dem stark in Schwung befindlichen Fernglas konnte man die Flugzeuge noch über Weiden beobachten, wenn sie nicht gar zu niedrig flogen. Das war natürlich eine große Aufregung, sobald ein Bomberverband Weiden überflog, dann aber doch glücklicherweise weiter nach Osten rollte. Oft kamen die Flugzeuge nicht einmal so weit, dann gab es aber über Grafenwöhr einen Mordsspektakel....
Als es nun unseren Weidnern schien, sie müßten wieder nach Weiden zurück, da gingen sie am 15. April zum Bahnhof. Aber oweh! Um 11 Uhr war in Weiden bekanntgegeben worden, möglichst alle Frauen und Kinder sollten die Stadt verlassen. Also bedeutete ein Zurück nach Weiden in der jetzigen Situation Selbstmord! Aber wir trösteten sie, sie sollten doch in solch einer gefahrvollen Zeit lieber hier bleiben. Ihre Betten hatten sie ja schon mitgebracht, und unser Wohnzimmer war sowieso als Schlafzimmer eingerichtet worden, da im kleinen Kinderschlafzimmer unsere erst an Ostern einquartierten Leipziger Flüchtlinge wohnten. Also, es konnte schon alles untergebracht werden. Ich legte mich einfach in das "hintere" Schlafzimmer und basta! ...Und unsere arme Katze, die ja kein eigenes Schlafzimmer hatte, lief die ganzen Nächte hindurch im Haus auf und ab und heulte jämmerlich. Wahrscheinlich ging auch ihr der Krieg auf die Nerven!

Dieser Sonntag, der 15. April, war der Anfang der Komödie oder Tragödie - wie man's nimmt. Es war ein etwas grauer Sonntag. Aber trotzdem ließen wir uns unseren traditionellen Spaziergang in den Obstgarten auf der Hofwehr nicht nehmen. Und - kommt da nicht so gegen 17 Uhr eine amerikanische Panzerspitze nach Grafenwöhr? Nun gut, aber darauf folgte ein deutscher Gegenangriff, es krachte ziemlich. Das dauerte eine Stunde und dann war wieder Ruhe. Die Panzerspitze war wieder zurückgegangen. Am Abend hörten wir sogar, sie hätte woandershin abgedreht, etwa in Richtung Wiesau oder gar Marktredwitz. Vorläufig war wieder alles gut. Aber man mußte doch immer denken: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Mit abgeschwächter Angst ins Bett.

Für mich war das allerdings ein schlechtes Erwachen am nächsten Morgen (Montag, der 16. April). Ich wollte eigentlich einmal richtig lange, lange schlafen, die Sache nahm eine andere Wendung! Genau um 9 Uhr ging's los: ratatatata - ratatatata - aaaaaaaa. Hoi, hoi, hoi, dachte ich mir - Guten Morgen erst einmal. Und rieb mir die dicken Augen.
Horch!:: mmmmmmuuuuuuoooooo- wonggg wonggggg - - - mmmmuuuuuuoooooo - ratatatata - - wonnnggggg! ! ! ! ! Da sprang ich aber doch aus dem Bett. Fenster auf!. Na, da draußen ging's wild zu! Ein Spektakel! Hoch über mir wirbelten die kleinen, blitzschnellen, glitzernden Dingerchen nur so herum, kamen tiefer und ganz tief, flitzten ein paarmal um das Ziel und schon erzitterten dumpf die Lüfte - - - wonnggg - ratatatata ratterte es über die Felder. Und immer von neuem. Sollte das vielleicht ein Morgengruß sein? Ein gutgemeinter bestimmt nicht. Auf allerschnellstem Wege hatte ich mich angezogen; denn ich hatte erkannt, daß es hier was zu fotografieren gab. Doch das Summen, Brummen und Schießen verstummte. Ich wollte eben ärgerlich Kaffee trinken, da tat's weit entfernt noch einen dumpfen Knall. Romm! Das war die Explosion in Weiden. Inzwischen stieg es über dem Bahndamm bei Iffelsdorf schwarz auf. Scheinbar war ein Zug getroffen worden. Jetzt war wieder tiefe Stille. Höchstens gackerten noch ein paar Hennen, die durch das Gekrach aufgestöbert wurden.

15 Minuten später
Vor dem Haus stand eine Butterschlange. Die letzte Buttersendung war eingetroffen. Der Laden mußte immer wieder abgesperrt werden, so viele Leute drängten herein. Allmählich nur wurden die Unvernünftigen an Ordnung gewöhnt. Immer schön 20 Personen! - Da hörte man ein leises Summen. Bewegung kam in die Schlange. Alles horchte nach Westen. Ich lief sofort mit Fernglas und Fotoapparat auf den Dachboden und riß das im Laufe dieser Woche ganz berühmt gewordene Dachfenster an der Nordwestseite auf. Es war nichts zu sehen. Jetzt nahm ich das Fernglas und schaute die ganze westliche Himmelsgegend Stück für Stück ab. Da - da sind sie. In weitem Bogen kurvten 4 amerikanische Jäger gerade um den Eixlberg herum. Es war 10 Uhr. Das Motorengeräusch kam näher und näher und nahm plötzlich eine andere Stimme an. mmmmmmuuuuuuoooooouuuuuuooooooeeeeeeeoo. Es war, als stürze aus unendlichen Höhen ein Ungeheuer mit rasender Geschwindigkeit und unheimlichem Gebrumm auf die Erde zu. Schnell das Fernglas her! Doch was war das? Ein blitzendes stählernes Etwas kam von Norden her auf mich zu. Die Flugzeuge rasten bereits im Tiefflug über die Landschaft und sausten in rasendem Flug über den Kirchturm hinweg. Ich sah gerade noch die kleinen Sterne an den Tragflächen der Flugzeuge und dann rannte ich, so schnell ich konnte, die Treppe hinab. Wong - wonngggg-wonnggg donnerte es mir nach. Das waren Bordkanonen! Im Tiefflug brausten die Jäger über die Dächer des Städtchens hinweg. Hhhhhhhhhuuuuuuooooiiiioooooohhhhhuuuuuuuuuooooiooouuuu - - ratatatata ratatatata wonngggg wonnggggg. - - Es schien, als ob über unseren Köpfen gewaltige Explosionen stattfanden. Und wieder rasten wenige Meter über die Dächer die Jäger hinweg. Kaum waren sie über uns hinweggejagt, als auch schon die Luft von gewaltigen Krachern zerrissen wurde. Auf dem Bahnhof standen in wenigen Sekunden 2 Lokomotivenwracks. Mit schrecklichem Getöse flog der Kessel einer Lokomotive in die Luft.

In unserem Gewölbe neben dem Büro waren wir gegen Bordwaffen absolut sicher, aber wir fürchteten jeden Augenblick, daß sich irgendein Strohdachboden in der Nachbarschaft entzünden würde. Denn dann wäre der Großbrand schon fertig gewesen. So war also die Sache auch nicht wieder gerade einfach. Unsere Tante jedenfalls schaute drein, wie wenn sie ihre letzten Minuten verleben würde und des armen Fritzls blinzelnde Äuglein waren wohl ein wenig naß. Kein Wunder übrigens, der "Friederich" hatte noch von dem Luftangriff auf Weiden am 5. April genug, bei dem er ja auf freier Wiese liegend die Bomben fallen sah. Dann kommt noch ein Ausnahmefall: Oma! Unsere Oma hatte einfach, ich kann nicht anders sagen, Nerven "wie Stricke". Sie fegte ununterbrochen im Hausgang, als ob sie das Krachen gar nichts anginge und sprach kein Wort dabei! Aber oweh, die Butterkäufer! Die Schlange war ganz aus den Fugen geraten und alles hatte sich zu einem Knäuel an unserer Ladentür zusammengedrängt. Das war ein Trommeln an der Tür! "Laßt uns rein!", ein Schreien, ein Kreischen, ebenso, wie wenn jemand "am Spieß steckt"! Es war aber auch nicht so einerlei. Wäre vielleicht nicht das Lokomotivenziel am Bahnhof gewesen, dann hätte die Sache gar noch mit Todesopfern ausgehen können. Gut war auch, daß der Bahnhof so weit entfernt liegt. Derart war also der erste Tieffliegerangriff in unserem Gebiet, der Auftakt. Lange waren wir ein stiller Winkel, 5 Jahre lang, 5 Jahre wurden täglich soundsoviele Wohnungen zerstört, ganze Städte eingeäschert, Dörfer zusammengeschossen, unzählige Menschen getötet. Und jetzt? Man erschauerte bei dem Gedanken, daß jetzt auch die stille Oberpfalz in Flammen aufgehen würde. Was sollte jetzt kommen'?

Jetzt würde es losgehen, das wußten wir alle. Und es ging auch wirklich dann los. Jeden Vormittag 9 Uhr ging's regelmäßig los: Ratatatata - tschongg y tschongg - ! Guten Morgen! Wenn es dann krachte, war es 9 Uhr und ich lief auf den Dachboden, um die Lage von Anfang an verfolgen zu können.

Am Montag abend hatten wir die Gelegenheit, mit einem deutschen Militärauto nach Weiden zu fahren. Vielmehr war es ein moderner Zivilwagen - mit dem Schildchen We-Fa (Wehrmachtfahrbereitschaft). Meine Tante zögerte, weil sie eben die Zögerungstante war. Aber dann setzten wir uns einfach in den Wagen hinein, Tante vorne und ich hinten. Ich wollte die ganze nächtliche Fahrt einmal bequem von hinten betrachten. So fuhren wir also los, da wir ja sehen wollten, was bei der Weidener Explosion passiert war und etwas Wäsche nach Pfreimd schaffen wollten. Gut! Also, etwa um 22 Uhr fuhren wir

Durch das stockfinstere Kürschnergäßchen los um die Ecke. Es gab einen schweren Holper. Der Eckstein unseres Hauses wäre beinahe mitgegangen und der Automat dazu. Der Wildheit des Fahrers nach zu schließen, war dieser wohl nicht sehr erbaut, noch nachts nach Weiden fahren zu müssen. Aber "Leutnant Girchner" hatte es befohlen, und Befehl war Befehl - auch kurz vor dem Zusammenbruch. Nachdem nun also etwa um 22 Uhr die Fahrt begonnen hatte und Tante wegen der vielen vorüberfahrenden Autokolonnen aufgeregt zu werden begann, war bereits 5 Minuten später die erste unfreiwillige Haltestelle erreicht. Wir wollten gerade vor dem großen "Wenzelwald" über ein Brücklein fahren, als es unter dem Wagen bedenklich knirschte und krächzte. Der Fahrer hielt sofort an. Es schien beinahe, als hätten wir jemand überfahren, aber dann war es ein vollgepfropfter Flüchtlingskinderkoffer, der etwas zu weit auf die Straße gestellt war. Wir nahmen schließlich den Koffer bis zu einem Gasthaus in Wernberg mit, wo die Kinder übernachteten. Aber die Tante! Sie wollte umkehren, einfach umkehren! Was sie für eine Schreckenfarbe bekommen hatte, das weiß ich nicht, weil es Nacht war. Aber jedenfalls war sie außer sich. Doch, warum jetzt umkehren? Also weiter! Die Tante konnte vor Angst nur noch lispeln: "So geht das an?" Nach weiteren 5 Minuten kam das zweite, als wir in Wernberg angelangt waren. Man schrie: "Licht aus! Fliegeralarm". Ohne Licht fuhren wir ein paar hundert Meter langsam weiter. Die Tante seufzte schwer. Scheinbar hatte sie bereits mit ihrem Leben abgerechnet. Ihre Augen schauten ängstlich durch die Windschutzscheiben, so angestrengt, daß ich glaubte, sie müßten leuchten. - Außerhalb Wernberg hielten wir an und horchten in die sternklare Nacht hinaus. Man konnte unmöglich das Brummen eines Flugzeuges aus dem Geknatter auf der Landstraße unterscheiden. Diese war in einem einzigen hin- und herwogenden Strom verwandelt, erhellt durch Scheinwerfer, die zwischen den Straßenbäumen herumzitterten. Die Fahrt ging weiter. Jetzt wollten wir sie auf keinen Fall mehr unterbrechen, überhaupt mußte man ja befürchten, daß die liebe Tante einfach aus dem Wagen ausstieg und auf und davon ging. Dies wenigstens war meine größte Sorge. Mit 80% konnte man sonst ja doch rechnen, daß nichts passierte.

Die neue Fahrt dauerte nicht lange, schon kurz vor Luhe wurden wir wieder zum Halten gezwungen. Es gab eine katastrophale Verkehrsstockung. Ein gräßlicher Anblick waren diese ineinander verknäulten Kolonnen. Zu guter Letzt kam auch noch ein Treck mit in den Saustall hinein und beinahe hätte ich auch noch die Hoffnung aufgegeben, als laut geschrien wurde: "Alarm, Alarm, Alarm!" Das war aber das Zeichen für die Tante. Die Tür riß sie auf und wollte lieber zu Fuß die 18 km nach Pfreimd gehen, als weiterfahren. Dann versuchte sie, den Straßengraben aufzusuchen. Zum Glück war dieser scheinbar ziemlich betaut, sodaß die Tante etwas abgeschreckt wurde. 5 Minuten lang stand sie dann mit einem Fuß auf der Straße, mit dem anderen im Wagen. Wäre ihr nicht gar so ernst gewesen, so hätte ich laut lachen müssen. So wurde es allmählich sehr unangenehm kalt, denn draußen herrschte eine frische Frühlingsluft. Als sich der gräßliche Anblick des Knäuels etwas milderte, da stieg sie wieder ein und wir fuhren zum 5. Male los.

Reibungslos ging die Fahrt weiter. Immer wieder durch noch offengehaltene Panzersperren hindurch. Kurz vor Weiden begegnete uns eine zurückmarschierende deutsche Kompanie. Es kam mir diese Fahrt immer spukhafter vor. Diese Mitternacht werde ich nie vergessen. Dann kamen wir in die Stadt hinein. Immer wieder durchgedrückte Fenster, flatternde Vorhänge im Lichtkegel des Scheinwerfers. Eine Gespensterstadt um Mitternacht. Wir waren in der südlichen Sintzelstraße. Fast kein ganzes Fenster in der ganzen Straße. Aber nun in die Wohnung! Wir wollten die Wohnung aufsperren. Doch da war das Schloß verschoben, zusammengedrückt durch die Gewalt des Luftdruckes bei der Explosion. Wir läuteten gegenüber. Die Leute waren noch nicht im Bett. Verstörte Gesichter, leere Augen... dann gingen wir in den Keller und rafften Stück für Stück in das Auto. Dann verließen wir wieder das Geisterhaus. Nochmals leuchtete ich mit der Taschenlampe in die zerdrückten Fenster der Wohnung. Wie Mitternachtsgespenster hoben sich die Fensterkreuze, an denen nur noch wenige Glasscherben hingen, im Lichtkegel ab und warfen lange Schatten auf die Ecke des Zimmers. Es schauderte mich. Es war so gespenstisch still. Keine Seele rührte sich. Nur die dunklen Fensterhöhlen starrten uns an....Geisterstunde... Auf schnellstem Wege verließen wir die tote Stadt.

Um 1.30 Uhr früh kamen wir in Pfreimd an. Todmüde. In Pfreimd war man vor Erwartung noch nicht ins Bett gegangen. Jetzt waren wir da, mit Koffern, Schachteln, Rucksäcken. Das war der nächtliche Beginn des Dienstages, 17. April 1945. Dann aber erst mal ins Bett, bevor der Unsinn weiterging. Ich glaube, ich bin sofort eingeschlafen. So ist es verständlich, daß ich nur im Traum ein schwaches Gurgeln hörte, das mir allerdings auch im Traum ganz unheimlich vorkam. In Wirklichkeit machten am Dienstag früh 4 Uhr englische Bomberverbände einen Angriff auf Schwandorf, 24 km südlich Pfreimd, daß nicht mehr viel davon übrig blieb. Wenn auch in der nächsten Nacht noch ein viel kleinerer Angriff folgte, so richtete dieser zweite Angriff doch nur einen Bruchteil der Gesamtschäden an. Wenn ich es auch nicht selbst gesehen habe, so muß doch der blutrote Anblick des Himmels einen gewaltigen Eindruck gemacht haben!

Am nächsten Tag, das heißt am Dienstag, war noch alles in hellster Aufregung. Um so verständlicher ist es, daß sich noch am 17. April schreckliche Hirngespinste ausbreiteten. Es wurde von einem Luftangriff auf Pfreimd in der nächsten Nacht gesprochen. Wenn auch diese Meldung handgreiflicherweise falsch war, so entstand dennoch eine unheimliche Angst in Pfreimd, wohlgemerkt: Ohne jeden Grund; denn was interessiert die Amerikaner ein Städtchen wie Pfreimd?

Nach den Tagesangriffen auf Bahn und Straße machte sich abends 9 Uhr der größte Teil der Bevölkerung in die Wälder auf. Es war schauerlich, diese endlosen Leiterwägelchenkolonnen anzusehen. Doch wir blieben zu Hause. Es mußte ja schließlich doch alles Unsinn sein. Und würde der Angriff Wirklichkeit geworden sein, dann wäre von vorneherein alles verloren gewesen; niemand hätte gelöscht, niemand hätte das Vieh gerettet, es wäre niemand dagewesen.

So kam diese sternklare Nacht. Ruhig rauschte draußen der Wald, in dem so viele Menschen heute schliefen. Ab und zu ratterte ein LKW durch das Dunkel. Bis tief in die Nacht hinein brannte das Licht, erst gegen Mitternacht gingen wir zu Bett. Es folgte ein kurzer, unruhiger Schlaf. 4 Stunden hatten die Nerven Ruhe. Dann wurde an meine Tür heftig gepocht. "Die Flieger kommen, schnell ...schnell!" Irgendwer hatte den Flaksender eingeschaltet und der hat einen starken Einflug gemeldet von Nordwesten. Schlaftrunken öffnete ich das Fenster und starrte gegen die Millionen und Abermillionen Himmelslichter, die so friedlich auf die armselige, kriegsgepeitschte Erde herabflimmerten... Es wäre alles so friedlich.... Doch da rollte es von Ferne heran. Ein unheimliches Rollen, ein unheimliches Rauschen und Gurgeln. Und es rollte näher und näher, es rollte - der Tod. Es war, als rauschten unsichtbare Gespenster über uns hinweg. Jetzt wuchs das Brausen zu einem Orgeln an. Unruhig brüllten die Tiere in ihren Ställen. Sollte es wirklich so kommen? Ich eilte hinunter in unseren Gewölbe-Hausgang. Dort saßen fahle Gesichter bei flackernder Kerze. Es herrschte Totenstille im Haus, während draußen die Luft erfüllt war von unheimlichem Orgeln. Niemand wagte, das elektrische Licht einzuschalten, niemand, ein Wort zu sprechen. Über uns flog der Tod. Und es rollte weiter. Die erregten Nerven nahmen ein Kreisen der Flugzeuge wahr. Aber nein, es rollte weiter und - es wurde stiller. War nichts passiert? Ich lief auf den Dachboden. Im Süden ein helles Licht, wie ein Sonnenaufgang! In Nabburg standen 5 Häuser in lodernden Flammen. Gespenstisch gelb hatte sich der Nachthimmel verfärbt. Schmutzige Brandwolken wogten langsam in die Höhe. Doch der Bomberstrom flog weiter, weiter gegen ein unbekanntes Ziel. Wenige Bomben fielen in Schwandorf, das Endziel ist mir nicht bekannt. Es war wieder ruhig geworden. Nur noch im Süden wütete die Feuersbrunst. Irgendwo waren wieder unzählige Menschen ihrer Wohnungen beraubt worden, unzählige waren wieder in wenigen Minuten ins Jenseits gegangen. Es war entsetzlich daranzudenken. Wir gingen ins Bett, die Gefahr war vorüber.

Keine 5 Stunden vergingen, als wieder das allmorgendliche ratatatata ablief. hhhhhmmmmmuuuuuiiiii iiuuuuuu braust es wieder über die Dächer gegen den Bahnhof. Immer mußten die Flieger den Bahnhof über Pfreimd hinweg angreifen, da dieser nach Westen durch zu stark überhöhtes Gelände geschützt ist. Tschonggong ratatatata aaaaaa hallte es durch die weiten Wälder weiter.

An diesem Mittwoch, dem 18. April, packten unsere Leipziger Flüchtlinge ihr Auto und fuhren fluchtartig davon. Der Mann - ein Schnapslieferant - erklärte uns lachend, er bräuchte nur seine Brillanten und sonstigen Wertstücke vorzuzeigen, um mühelos in die Schweiz zu gelangen. Es ist allerdings sehr fraglich, ob die Sache wirklich so ausgegangen ist.

Der phantastische Stoffeverkauf, der am Montag begonnen hatte, wurde am Mittwoch beendigt. So was war wirklich noch nicht da. Hätte der zögernde Landrat das ballenweise Verkaufen von Stoffen erlaubt, dann hätte die Bevölkerung einen größeren Nutzen von dem Stullner Stofflager gehabt und der Lieferant hätte sein Geld bekommen. So wurden später die Stoffe sowohl von Russen und Polen, als auch von Einheimischen gestohlen.! (Das Lager hatte einen Wert von rund 10 Millionen RM. Nur etwa um 500.000 RM konnte regulär verkauft werden).

Es gab bei diesem Verkauf, den 3 Geschäfte in Pfreimd übernahmen, ungeheure (Menschen-) Schlangen, d.h. weniger Schlangen als Knäuel. Unsere Haustüre, durch die wir die Leute einließen, wäre beinahe durchgedrückt worden. Die Leute konnten sich nicht auf der Hauptstraße, sondern mußten sich in der Gasse (Kürschnergasse) anstellen, um gegen Fliegersicht geschützt zu sein. Hätten wir den Stoff nicht meter-, sondern ballenweise verkaufen dürfen, es wäre alles viel schneller gegangen und gar nicht dazu gekommen, daß manche Leute 10 Stunden lang anstanden. Wir fühlten uns wie in einer belagerten Burg. Durch den Laden konnte man nicht auf die Straße, da sonst gleich die Leute hereingesaust wären, weshalb ja auch die Ladentüre von vornherein nur dem Hinausbefördern eines "Schubes" diente. Wenn man durch die Haustüre nach außen gelangen wollte, mußte man erst von innen rufen: "Es will nur jemand hinaus!", weil sonst mit einem Druck die Haustüre aufgeflogen wäre. Dann mußte man erst warten, bis der Druck gegen die Türe durch einen langsamen Gegendruck ausgeglichen wurde. Sobald man aber draußen war, wurde man mit einer wahren Flut von Fragen bestürmt. Gegen Schluß des Verkaufes wagte ich es nicht mehr, durch die Haustüre zu gehen. Denn ich war schon ziemlich verhaßt geworden durch meine Hiobsansagen vom 1. Stock herab. "Es ist höchstens noch für 50 Personen Stoff da!" Da ging es los: "Jetzt stehen wir schon den 2. Tag hier und bekommen doch nichts!" "Wir gehen sofort auf die Kreisleitung". Als ich es wagte, zu sagen, daß, wenn kein Stoff mehr da sei, auch die Kreisleitung nicht helfen könne, da war die Geduld der Leute zu Ende.

Nachdem ich mich nach dem Ausruf: "Dann kann ich ihnen auch nicht helfen, sie stehen eben dann nutzlos hier!" ganz mit dem fanatischen Publikum da unten verfeindet hatte, versuchte Papa, auf die Rasenden einzureden. Doch er kam gerade recht! Das gab ein Geschrei: "Der gemeine Mensch! Wir zeigen Sie an!"

Trotz der großen Warenmenge reichten die Stoffe also bei weitem nicht aus. Am 22. April wollten wir noch einmal mit einem Lastauto nach Stulln fahren. Doch es kam ganz anders!

Dieser Mittwoch brachte eigentlich nicht viel Neues. Und warum nicht? Weil wir uns an das Ungewöhnliche schon gewöhnt hatten.

Am Vormittag ging ich mit der Tante in den Garten (Hofwehr), da diese Rapünzchen holen wollte. Wir waren gerade über das kleine Hanauer-Brücklein gegangen, als aus Richtung RAD-Lager ein komisches Rattern ertönte. Aus war's! Wir liefen bis zu einem kleinen Garten, der sich an unseren Garten anlehnt. Ich riß sofort die unverschlossene Gartentür auf und warf mich in dem Garten an unseren Gartenzaun, der von dichtem Strauchwerk umgeben ist. Augenblicklich war ich etwas vom Schrecken gelähmt, aber als ich aufstand, da fing es an Händen und Füßen fürchterlich zu brennen an. Ich hatte mich in einen reinsten Brennesselgarten gelegt. Ich drehte mich um, und da sah ich Tante immer noch starr an den Gartenzaun gelehnt stehen. Scheinbar fühlte sie das Ende ihres schreckensreichen Lebens nicht mehr fern.

Als nunmehr auch am Donnerstag (dem 19. April) die Front sich nicht wesentlich verschob, glaubten wir schon, daß diese allmählich stehenbleiben würde.

Am 20. April, einem Freitag, ging's in der Luft besonders wild zu. Gegen 15 Uhr kam sogar ein Bomberverband mit etwa 250 "Viermot" und, was das Komische war, in ganz aufgelöster Ordnung. Es war der halbe Himmel mit viermotorigen Bombern besät. Langsam wälzte sich über uns der glitzernde Strom nach Süden.

Es war 18 Uhr. Eigentlich war noch nichts Besonderes geschehen, was diesem Tag entsprochen hätte, der ja der Geburtstag des Mannes ist, der die volle Wut der Amerikaner auslösen mußte. Auch vermißte man vor allem die vielen Geheimwaffen, von denen in letzter Zeit so furchtbar gefaselt worden war.

Eben hieß es am Flaksender: 10 bis 20 kreisende Flugzeuge in den Räumen Toni Dora / Toni Emil. Also! Wir waren wieder an der Reihe! Schnell auf den Dachboden. Da sind sie schon! In weitem Bogen holten sie aus. Wohin ging es? Ratatatata - ratatatata - ratatatata - aaaaaaaaaatatatata. Der Pfreimder Bahnhof wurde beschossen. Aber nur ganz kurz. Dann sah man zwei Gruppen mit je 4 Maschinen, die plötzlich grell in der Abendsonne aufblitzten. Der Jagdbomberverband - ein solcher war es diesmal - kreiste 2mal um Pfreimd herum. Ich schaute aus einem schräg am Dach angelegten Fenster direkt nach oben - mit dem Fernglas. Als die Maschinen über mir waren, wagte ich mich nicht mehr wegzubewegen, es war ein überaus spannender Augenblick. Da - da - da - wie Segelflieger ließen sich die kleinen Bomber auf die Seite - glitzerten für Momente hoch über mir und stießen dann blitzschnell nach Süden herab. Und schon - wummm - bummm - wummm - wummm. Kleinste Bomben rissen Löcher in das Schienennetz des Nabburger Bahnhofs wummm - bummm. Lautes Aufbrummen verkündete das Aufsteigen des Verbandes. Langsam kam es wieder näher und näher. Langsam preßte sich die lange Schlange beim Bäcker wieder an die Hauswand. Die Flieger zogen abermals einen weitausholenden Kreis bis nach Pfreimd herauf und dann hallte es wieder unaufhörlich über mich hinweg...ratatatata ratatatata ratatatata. Im Nu brannte in Nabburg ein Stadel lichterloh. Über dem Nabburger Bahnhof stand eine riesige Staubwolke. Und dann noch kurzes Rattern - 15 Jagdbomber flogen nach Nordwesten ab.

Um 19 Uhr ging ich mit Papa in den Garten. Es war ein Glück, wenn man das kleine Pfreimdbrücklein, die offene Stelle, überschritten hatte, ohne durch irgendein Gebrumm zurückgejagt zu werden. Als wir im Garten ankamen, ging es diesmal seltsamerweise im Nordwesten los. Allerdings war dies ein ganz außerordentlich starkes Gebumse und wir beeilten uns daher, in den hinteren dichteren Garten zu gelangen. Durch das Geäst der Weiden hindurch sahen wir dann das Schauspiel abrollen. Da - dort - aus großen Höhen stürzten sie herab. Tschongg und wummm, also wieder Jabos. Was waren denn dort hinten in diesem Waldwinkel Richtung Kemnath (b. Neunaigen) für wichtige Ziele? Wummm bummm tschonggg ratatatata tschong mmmmuuuuuuooooooouuuuuu üüüi ratatatata tschonggg tschongg. Unaufhaltsam rollte das Inferno ab. Wwwwwwuuuuuuuuuuuuuu rollte der Donnerhall über die dunklen Wälder. Mindestens 15 Jagdbomber griffen 20 Minuten lang das Dorf Kemnath an. Dann stieg vor der blutrot untergehenden Sonne eine schwarze Wolke auf, langsam, stumm und ernst. Wurde größer und größer, schwärzer und schwärzer. 28 Häuser, zum größten Teil Gehöfte, standen in hellen Flammen. Der Grund? Ein einziger Karabinerschuß von der Erde aus. - - Stumm und anklagend stand ein kohlrabenschwarzer Rauchpilz über der Stätte des Grauens.

Im Laufe des 20. April versuchten wir auf verschiedene, zuletzt lustige Weise telephonisch nach Weiden zu gelangen. Papa meldete sich als "Major von Pfullo". Es war dies scheinbar eine Art Galgenhumor. Erst am Abend er-reichte uns eine der mehreren Anmeldungen. Wir hörten, daß eine amerikanische Panzerspitze bis Etzenricht vorgedrungen sei. In Weiden erwartete man in den nächsten Stunden schon Artilleriebeschuß. (Es sollte aber noch 24 Stunden dauern - eine kurze Galgenfrist!). Dies kam natürlich überraschend. Es wurde nun scheinbar doch ernst.

Ab 20 Uhr hatten wir deshalb allen Schmuck, wertvolle Bestecke und sonstige Wertsachen zusammengetragen und in Kisten verpackt. Bei dieser Arbeit war uns ganz komisch zumute. Jedenfalls kamen wir uns ab jetzt nicht mehr ganz als normale Menschen vor. Um 23 Uhr wurde in finsterer Nacht alles an einem unbekannten Ort vergraben. Ein großer, noch nie dagewesener Augenblick. Würden wir jemals diese Dinge wieder ausgraben? Es war fraglich, sehr fraglich!!!

Um Mitternacht kamen noch 2 Weidener Soldaten, die zu Fuß bis zum Morgengrauen nach Weiden kommen wollten. Sie tranken schnell "a cup of coffee" und machten sich dann wieder auf den Weg. Um 1 Uhr ging ich ins Bett. Ich hatte mich gar nicht mehr vom Radio losreißen können, da es in der Luft wieder ziemlich zuging. Im übrigen konnten wir ja auch gar nicht wissen, wie die Lage noch in dieser Nacht würde.

Am Samstag, dem 21. April, neigte sich die Tieffliegerei dem Ende zu. Am Vormittag stand ein Munitions-LKW in Pfreimd. Nachdem man ihn schleunigst ins Freie befördert hatte, flog die Ladung 2 km südlich Pfreimd in die Luft. Es bedurfte nur einer kleinen Nachhilfe durch einen amerikanischen Jäger. Eine ganze Stunde lang krepierten nacheinander Geschosse, dann aber wurde es in der Luft ruhiger und ruhiger. Die Ruhe vor dem Sturm?

Inzwischen war in Pfreimd wieder Ausverkauf ' 1. Es gab Obst-, Tomaten- und Pilzkonserven, die schleunigst von Nabburg noch herangeschafft worden waren.

Die Bevölkerung wurde in der nun beginnenden Ruhe vor dem Sturm immer nervöser. Die meisten Verbindungen nach der Außenwelt waren bereits abgerissen. Die ganz wenigen Autos, die noch vom Norden herab flohen, hielten nicht mehr an. Wir waren praktisch nunmehr ein Gebiet, um das nicht mehr viel gegeben wurde. Wir waren gleichermaßen hier vereinsamt, bis beim Näherrücken der Front der endgültige Sturm beginnen würde. Man versuchte nun aber nach Kräften, die Lage selbst auszukundschaften. Kanonendonner war vorläufig noch nicht zu hören. Dafür stand in Richtung Weiden seit Freitag abend ein riesiger Rauchpilz am Horizont. Vermutlich rührte er von der brennenden Porzellanfabrik Bauscher her. Um Weiden hatten wir sehr Angst. Würde es eines Tages das gleiche Schicksal erleiden wie Schwandorf? Wenn man die Lage im allgemeinen betrachtete, dann war alles trostlos. Weiden würde verteidigt werden, aber der Krieg würde trotzdem darüber hinwegrollen - ohne eine entscheidende Verlängerung zu erfahren.

Am Samstagnachmittag machte ich einen kleinen Ausflug nordwestlich um Pfreimd herum. Ich wollte schon längst einmal einen kleinen Wald spaziergang machen, um mich dabei etwas zu erholen; denn der Wald war zu jener Zeit das sicherste Örtchen. Doch zuerst hatte man dabei die weit freie Fläche zwischen Pfreimd und Eixlberg zu durchschreiten. So kam mir gerade der ruhige Samstag zu Hilfe. Trotzdem konnte ich aber die Tante nicht zum Mitgehen bewegen. Zunächst wollte ich zur Girnitzhöhe, einem guten Aussichtshügel. Ich war an der Bahnlinie entlang auf einer Wiese gelaufen und kam dann durch einen Wald am Fuß der Girnitzhöhe. Ihren höchsten Punkt hatte ich bald erreicht. Die Spitze des Hügels ist ganz mit Besenginster bedeckt und so hat man dort sowohl eine gute Aussicht als auch Deckung. Aber o Schreck! Der ganze Besenginsterwald war mit schlafenden Soldaten bedeckt. Ich vermutete, es waren Ungarn. Ich ging nach Westen weiter, wo die Girnitzhöhe nur wenig abfällt. Da im Westen schwere Regenwolken drohend herannahten, trachtete ich nach einer mächtigen, jahrhundertealten Eiche, die mitten in der hochgelegenen Feld und Wiesenlandschaft aufragt. Sie würde guten Schutz gegen Regen bieten sagte ich mir.

Wirklich begann es dann allmählich zu regnen. Ich lehnte mich an die breite Südostseite des Baumstammes und wurde bei dem halbstündigen Regensturm fast gar nicht naß. Es schien beinahe, als wollte das Regenwetter so schnell nicht enden. Dichte Nebelschleier huschten um den Eixlberg und senkten sich langsam auf Pfreimd nieder. Immer neue Regenschauer prasselten auf die Wiesen und Felder herab und legten eine graue Wand vor die nahen Wälder. Nach einer halben Stunde schien die Sonne durch blendende  Haufenwolken auf die durchnäßte Erde. Das mußte so sein. Es war ja April! Eisige Kälte herrschte bei strahlender Sonne. Vom Süden brummte es langsam heran. Ich setzte mich an die Nordseite des Baumes, später wieder an die Südseite, als das Flugzeug nach Norden verschwand. Dann machte ich mich auf, Richtung Eixlberg. Während ich noch über die schlechten Feldwege stolperte, begann es mit einem Mal im Nordwesten heftig zu donnern Die Amerikaner waren zum Durchbruch nach Süden angetreten. Jetzt bestand kein Zweifel mehr: Es ging los!

Als ich glücklich am Waldrand des Eixlberges anlangte, brummte es wieder in den Lüften. Ich aber fühlte mich geborgen. Hier im Wald war es direkt eine Erholung. Doch unaufhörlich donnerte es, immer und immer wieder. Es schien allerdings noch weit entfernt zu sein, aber trotzdem wurde ich dadurch veranlaßt, nach Hause zu gehen.Entlang dem Waldrand gelangte ich zu einer kleinen Kapelle am Fuße des Eixlberges, vor welcher ein mächtiger Kastanienbaum aufragte. Einige Jäger, die wild herumkreisten, trieben mich für 20 Minuten in die Kapelle.
Mit ziemlicher Verspätung kam ich in Pfreimd wieder an. Um 18 Uhr wurde unser Geschäft geschlossen. Hätten wir gewußt, daß es bis zum 28. Mai geschlossen bleiben würde!
Ebenfalls um 18 Uhr bumste es. Abschuß und Einschlag. Nanu? Wir waren schon auf manches gefaßt. Mit Papa ging ich nochmals in den Garten. Im Norden wurde einzelner Kanonendonner hörbar, stark hörbar, jedenfalls so, daß wir eine Beschießung Weidens vermuteten. Und es war so. In Weiden war zu derselben Zeit die ganze Bevölkerung in den Kellern versammelt und richtete sich für die Nacht dort ein. Für die schreckliche Nacht zum 22. April!
Als wir vom unteren Ausgang unseres Gartens heraustraten, da machten wir eine schlimme Entdeckung: Im Halbkreis um Pfreimd herum waren Maschinengewehrstände ausgehoben worden! Garten, leb' wohl! Sollte trotz dieser aussichtslosen Lage Pfreimd verteidigt werden? Dann schlimm genug. Es würde kein Stein auf dem anderen bleiben. Wumm - donnerte es dumpf von Norden herab - der Krieg war da!

Beim Dunklerwerden verdichteten sich die schweren Regenwolken und fein rieselte es vom Himmel herab. Ein schauerlicher Wind heulte und jammerte in allen Fugen. Und dumpf hallte dazwischen immer wieder der Kanonendonner. Jetzt wurden die Abstände der Schüsse geringer. Wir riefen die Post an, die aus militärischen Gründen über Nacht zur Stelle sein mußte. Man sagte, die Amerikaner schössen bereits nach Luhe-Wildenau. -Aus- Das letzte Telephongespräch. Der Hörer wurde eingehängt. Der Wind heulte um die Ecke. - Ich stieg im Dunkeln auf den Dachboden, öffnete das Fenster und starrte nach Norden. Wumm donnerte der Abschuß. Ich zählte: neunzehn zwanzig einundzwanzig zweiund ... da leuchtete für eine Sekunde der tiefhängende schwarze Wolkenhimmel gespenstisch lautlos auf und nach mehreren Sekunden hallte der Einschlag laut durch das nächtliche Naabtal... huiiiii jagte der Wind über die Dachgiebel hinweg. Und wieder herrschte schauerliche Friedhofsstille. Ein komisches Gefühl überkam uns alle. Es war jetzt zur Gewißheit geworden, daß das Uhrwerk des Nationalsozialismus auch in Pfreimd am Ablaufen war. Außerdem war es augenscheinlich, daß wir nunmehr in ein sehr gefährliches Spiel hineingetrieben werden würden. Von Stunde zu Stunde mußte sich der Höhepunkt nähern. Wir waren auf alles gefaßt. Aber die Gefühle, die wir beim Bettgehen empfanden, sind nicht zu beschreiben. Draußen donnerte und blitzte es immer und immer wieder. Wir glaubten uns zum letztenmal im Bette. Damals konnten wir die volle Tragweite der Geschehnisse nicht ermessen. Etwa 100 Soldaten, die mit Pfreimder Volkssturmwaffen ausgerüstet worden waren, weilten im Städtchen. Am kommenden Sonntagabend sollte in unserem Gebiet die SS-Division "Hitler-Jugend" ankommen. Pfreimd sollte eine starke Besatzung erhalten. Für die Herren der SS waren bereits Rohwürste in rauhen Mengen bereit. Über allem vergaß man den Spruch: Der Mensch denkt und Gott lenkt!
Als wir aufwachten, war die Luft seltsam geräuschlos. Man schrieb den 22. April 1945, ein Datum, das wir alle, die wir es erlebt haben, nie vergessen werden. Unvergeßlich sind uns die gewaltigen Eindrücke dieses Tages.Leicht lag der Nebel noch über den Dächern Pfreimds. Ein grauer Sonntag begann, der mir zum unvergeßlichen Erlebnis wurde. Friedlich lagen die weiten Felder, Wiesen und Wälder da und doch lag über allem Frieden dieses Sonntags ein unheimlicher Druck: Kaum 20 km weit entfernt drohte die Front, der Tod. Ruhig noch war es. Doch wild brauste jetzt der Sturmwind über die Landschaft. Leise bimmelte das einzige letzte Glöcklein zur Kirche, das man uns noch gelassen hatte. Alles schien mitten in tiefstem Frieden.10 Uhr war es. Eben begann in der Pfarrkirche das Sonntagsamt. Feierlich tönte die Orgel durch den weiten Raum. Feierlich tönte es über den Marktplatz.
Leise stahlen sich ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken und leuchteten auf die alte Kirche hernieder, um die sich die Häuser des Städtchens scharen. Und aus der Kirche drang friedliche Orgelmusik in den Sonntagmorgen....
Da - ein Schuß ließ die Luft erzittern. Urplötzlich mischte sich Kanonendonner in die Orgelmusik. Der Sonntagsfrieden war grausam zerrissen.

Die Front war wieder aufgestanden. Der Amerikaner trat an zu neuem Sturm. Am Vormittag dieses 22. April hatte sich Weiden nach dem nächtlichen Artilleriebeschuß ergeben. Etwa um 9 Uhr rollten die ersten amerikanischen Panzer durch die Stadt, die Bevölkerung kam aufatmend aus den dumpfen Kellern hervor. Schon am Tage zuvor hatte sich Amberg ergeben. Überallhin stand der Weg offen. Nun griffen die Amerikaner auf der Straße Schnaittenbach - Wernberg an.

Starker Kanonendonner westlich des Eixlberges versetzte uns um 11 Uhr sehr in Schrecken. Scheinbar wurde bereits um Kemnath gekämpft. Um 11 Uhr ebenfalls ließ sich im Nordwesten starkes Schießen vernehmen. Amerikanische Panzer hatten Holzhammer auf der Straße nach Wernberg erreicht. Mama arbeitete seit 10 Uhr fieberhaft an dem Gepäck, das mit in den Wald geschleppt werden sollte. Papa war in der Kirche. Und mir wurde nun doch etwas "spanisch" zumute. Die Sache war eben jetzt beängstigend in die Nähe gerückt. Um 12 Uhr trug ich zu Frl. Schmidt ein kleines Mittagessen. Wieder zurückgekommen, hörte ich von einem schrecklichen Gerücht: Ganz Pfreimd sollte ab 12 Uhr mittags evakuiert werden. Donnerwetter!

Im Lager stand unser Leiterwägelchen, etwa 2 m hoch bepackt. Es war beinahe zum Lachen! Man sah es dem Wagen an, daß er nach den ersten 100 Metern zusammenbrechen würde. Am schlimmsten war so ein Auszug für die Damen natürlich. Sie wußten bald nicht mehr, was sie zuerst einpacken und mitnehmen wollten. Sie konnten sich nicht damit abfinden, daß etwas zurückgelassen werden mußte. Da waren allerdings meine Vorbereitungen nicht so furchtbar riesig! Das bißchen Wäsche hatte mir Mama schon eingepackt. In meine Mappe verstaute ich selbst ein paar Landkarten, meinen Fotoapparat und einige Filme.

Um 12 Uhr kam Papa. Er war von der Kirche zur Stadtkanzlei gegangen und hatte sich nach der Lage erkundigt. Er erhielt die Auskunft, welche die große Verwirrung in jenen Stunden kennzeichnete: "Vielleicht muß die Bevölkerung heute Nachmittag für einige Stunden in den Wald gehen!" Viel Vergnügen! - Vom Postamt erhielt ich noch vor 12 Uhr meine Briefe und Karten zurück, die nicht mehr weitergegangen waren. Ich scherte mich nicht viel darum; denn ich dachte mir, daß die Post schon wieder geöffnet werden würde. Drum schrieb ich noch vor 12 Uhr einen Brief nach Kempten. Am Schluß hieß es da: "Wenn wir wieder von unserer großen Reise zurückkommen, werde ich weiterschreiben. Den Brief lasse ich einstweilen am Schreibtisch liegen." Nun, weiterschreiben konnte ich nicht; irgendeine ängstliche Person hat den Brief in den Ofen geworfen, da an irgendeiner Stelle das Wort "Feind" vorkam!

In ziemlicher Ruhe konnten wir essen; denn das Schießen wurde immer schwächer. So war es verständlich, daß um Mittag herum noch einmal der Galgenhumor aufflackerte, vor allem im Bezug auf die enorm dicke Bekleidung mancher Persönlichkeiten, die unbedingt "alles am Leibe" haben wollten. Draußen fing es allmählich zu regnen an und auf uns legte sich ebenso allmählich ein ganz schwarzer Pessimismus. Auf der Straße rumpelte ab und zu ein schwer beladener Wagen davon in den Wald. Autos waren keine mehr zu sehen. Das Schießen war nun vollkommen verstummt. 2 deutsche Geschütze, die am Morgen auf dem Marktplatz aufgefahren waren, waren plötzlich aus der Stadt geräumt worden, ich weiß nicht wie. Am Abend würde die SS kommen, dann waren wohl alle Hoffnungen dahin. Und wieder verließ ein Fuhrwerk die Stadt. Die Einwohner von Pfreimd wurden immer weniger und weniger. Die komische Stille beunruhigte uns sehr. Was war im Anzug? Die Amerikaner konnten doch nicht ihren Angriff eingestellt haben. Oder - was - war - los? Um 15 Uhr hellte es auf und wir hatten schönstes Sommerwetter. Dann schlossen wir den Fensterladen des Büros zu und setzten uns zum Kaffee. Es gab nochmals Bohnenkaffee zur Feier des vermeintlichen Abschieds - und guten Kuchen dazu.

Ein vorbeilaufender Soldat schrie, die Amerikaner seien bereits in Holzhammer. Jetzt mußte unbedingt etwas geschehen. Mit dem Kaffeetrinken wurden wir gerade noch fertig und dann kam die große Sensation !

16 Uhr Tak tak tak tak tak tatatatatatatatata wummmmm ratatatata taaaaaaaaaaaaaa Der Kuchen bleibt uns im Munde stecken. Die Tante läuft gleich an die Deichsel des Wagens. Doch wir sehen - es ist zu spät. Die Front ist auf 5 km herangerückt. Um die Straßenkreuzung von Wernberg entspinnt sich ein kurzer Kampf. Leichtes Artilleriefeuer läßt ab und zu die Erde erbeben. Der Schall unzähliger MG's rauscht durch die Luft. Die Hölle ist im Norden los. Der letzte LKW verläßt Pfreimd. Das Allerletzte ist ein Kradmelder, der in sausender Fahrt nach Süden entflieht. Und nun rennt alles mit Leiterwägelchen, Kinderwagen, Koffern und Schachteln davon. Einfach davon! Ja, wohin denn? — einfach davon! Ziellos! Über ihnen erzittern die Lüfte vom Getümmel der Fronten im Norden und Westen. Ratatatata knattert es aus den Maschinengewehren und aaaaaaaaaaa verhallt es langsam in den Wäldern.

Ich stelle mich an unser Hauseck an der Straße. Ein grauenhafter Anblick bietet sich meinen Augen. Flucht - Flucht - Flucht. Ein altes Mütterchen lehnt sich ermüdet an unseren Automaten und humpelt dann wieder an seiner Krücke weiter. Eine Mutter mit einem Kinderwagen und einer Schar Kinder, die alle ihre Habseligkeiten in Schachteln mitschleppen, rennt weinend davon. Fuhrwerke mit Betten, Stroh, Säcken und Kisten wanken schwerfällig aus der Stadt. Radfahrer ohne Ende.... Ein wildes Durcheinander. Soll dies das Ende sein?

Dazwischen immer wieder der Ruf: Sie kommen! Sie kommen!

Vom Dachfenster kann man die beste Übersicht bekommen, denke ich mir und rase zum letzten Male die Treppen hinauf. Über Wernberg steigen dichte Rauchschwaden auf. Nahaufklärer stoßen immer wieder gegen die Stadt vor. Wie riesige Störche sind sie von ferne anzusehen. Da - ihre Kreise werden größer und größer, die Flugzeuge müssen unbedingt schon über Wernberg hinaus vorgestoßen sein! Allmählich verstummt im Norden der Kampflärm. Wernberg ist in amerikanischer Hand!

Was bedeutet dieses Schweigen ??????????????

Es ist 16.20 Uhr. Durch den Wenzel, einem Waldstück nördlich Pfreimd, stößt eine amerikanische Panzerspitze und erscheint plötzlich vor Pfreimd. Panzerrohre richten sich auf das Städtchen. Sie wollen sagen: Wo bleibt die weiße Flagge?

Wir haben die Haustüre abgeschlossen und sitzen alle mit doppelten Mänteln bekleidet im starken Gewölbe unseres Hauses. Die Fensterläden sind alle verschlossen und der große Wagen bereit, bei etwaigem Brand aus dem Hause gefahren zu werden. - Ganz Pfreimd hat sich hinter schützenden Mauern verkrochen und harrt der Dinge, die da kommen sollen, und kommen! Totenstille herrscht auf den Straßen und in den Gassen. Auf allem Lebenden liegt eine drückende Schwüle... Pfreimd ist Frontgebiet!

16.50 Uhr. Ein gewaltiger Schuß! Noch einer! Und jetzt gewöhnen wir uns daran. Scheinbar ist dies Granatwerferfeuer oder leichte Artillerie.... Abschuß: Bummmm - - Einschlag: wummm. Papa rennt nochmals auf die Straße. Er sieht über dem nordöstlichen Pfreimd Rauchwolken aufsteigen. Drei Häuser stehen in Brand! Während Papa die Haustüre absperrt, geht es richtig los: Tschschiiiiiuuuuu - - schschschiiuuuu tsch tsch tsch tsch ratatata-ta bummmmm aaaaaaaaa wummmmm.... Die amerikanischen Spitzen haben den Stadtrand erreicht. Und es wird dummerweise Widerstand geleistet. Wir werden nun alle etwas blaß. Es ist, wie wenn man im "Russischen Rad" nach abwärts sinken würde. Maschinengewehrstöße und Karabinerschüsse heulen durch die Luft. Es geht dem Ende zu.... Schon wird weniger geschossen.In den Kellern und Gewölben sitzen die Menschen, die Hände zusammengekrampft, daß Schweißperlen daraus hervortraten. Wir sitzen auch in unserem Gewölbe neben dem Büro. Der elektrische Strom wird immer schwächer, bis die Lampe endlich ganz erlischt. Inzwischen haben wir 2 Kerzen angezündet. Beim Schein der ängstlich flackernden Kerzen hören wir über uns die Schüsse und das Geratter hinwegpfeifen. Immer näher kommt das Schießen, bis es endlich unmittelbar vor unserem Haus angekommen ist. Patsch patsch patsch tschiuuu... Dann hören wir noch eiliges Laufen und dann tritt wieder Totenstille ein.
Unterdessen ist es 17.10 Uhr geworden. Von Ferne hört man dumpfes Rollen und Gurgeln. Panzerspitze! Dieser Gedanke durchzuckt uns blitzschnell. Ebenso schnell laufen wir in das Kohlengewölbe, um möglichst weit von der Hauptstraße entfernt zu sein. Näher kommt das Gurgeln und Rollen und weit entfernt mischt sich ein schweres Rasseln darein.... gorlgorlgorlgorlgorl gorlgorlgorlgorl ....??????//////// gorlgorlgorl rollt und gurgelt es den Marktplatz herab. Immer lauter und lauter wird das Gedröhn....Das sind Panzerspähwagen... lauter und lauter und noch lauter....::: ! ! ! Jetzt - sind - sie - da!!! Irgendwo wird an eine Türe geschlagen. Im Schneckentempo kommt ein Wagen an unser Haus heran. Die Panzerspitze hält hier an. Jemand springt aus einem Wagen. "Bürgermeister" wird gerufen. Der erste Amerikaner!
Draußen hört man Frauenstimmen. Die Bevölkerung ist schon auf der Straße. Endlich wagen auch wir uns hinaus. Welch ein Betrieb! Und welch ein Gegensatz. Vor ein/zwei Stunden wurden noch deutsche Telefonleitungen gelegt und jetzt wehen fast überall die weißen Fähnchen... Die Panzerspitze ist weitergefahren. Am südlichen Ortsausgang wird sie zum Stehen gebracht. Eine Panzersperre war im letzten Augenblick errichtet worden. Aus Wut schütten die Amerikaner Benzin gegen die umliegenden Städel und zünden sie an. Im Nu steht alles in Flammen. Die Straße ist also versperrt. Die Folge ist, daß die Amerikaner durch die Felder nebenan weiterfahren, auf denen die junge Saat steht!

17.50 Uhr. Brand wütet in 2 Teilen des Städtchens. Kein Wasser ist da, weil der elektrische Strom aussetzt und daher das Wasserwerk nicht in Betrieb ist. Ein aufkommender Wind begünstigt den Brand und nur mit Mühe und Not kann verhindert werden, daß mehr als 3 Wohnhäuser und 5 Städel abbrennen. Landwirtschaftliche Maschinen, zum Teil modernster Art, sind schutzlos dem Feuer preisgegeben.

Auf dem Kirchturm weht die weiße Flagge. Unten rollen Panzer auf Panzer nach Süden. Über uns kreisen die amerikanischen Aufklärer.

Wie ein Spuk ist alles urplötzlich vorüber. Von einer der umliegenden Höhen donnert es nochmals auf die Amerikaner herab, die auf der Straße nach Nabburg vorrücken. Dieses kapituliert bereits vor dem Eintreffen der Amerikaner.

Der Krieg ist aus!

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